In Der weiße Elefant erzählt Heiko Gantenberg von seiner außergewöhnlichen Reise um die Welt: 952 Tage, 25 Länder – und die Mission, die vergessenen Wurzeln der Tätowierkunst aufzuspüren.
Als Heiko Gantenberg im Mai 2014 den Motor seiner Maschine startet, ist es mehr als der Beginn einer langen Reise. Es ist ein Aufbruch, der ihn über 104.000 Kilometer und durch 25 Länder führen wird – eine Umrundung der Erde auf dem Motorrad. Für den Marler Tätowierer ist dieser Weg vor allem eines: eine Hommage an die Tätowierkunst, die sein ganzes Leben geprägt hat.
Einmal um die Welt
Gantenberg ist seit über 30 Jahren Teil der deutschen Tattoo-Szene, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Dr. Notch.
„Alles, was ich erlebt und aufgebaut habe, verdanke ich dem Tätowieren“, sagt er. Und genau dieser Kunst wollte er mit seiner Weltreise Respekt zollen. Er suchte ihre Ursprünge, erlebte traditionelle Techniken und traf Menschen, die diese uralte Form menschlichen Ausdrucks bis heute bewahren. In seinem nun erschienenen, über 950 Seiten starken Buch Der weiße Elefant erzählt er davon.
Schon lange vor dem Start entstand die Idee. Als sein Studio Top Notch Tattooing 2014 sein 25-jähriges Bestehen feiert und sein Haus gerade abbezahlt ist, setzt er ein Datum – und fährt los.
„Wenn du wartest, bis alles perfekt ist, kommst du nie weg“, sagt er. Ein Leitsatz, der ihn durch Gebirge, Wüsten und Städte tragen wird. Ein Motorrad, erklärt er, sei ein idealer „Botschafter“: Wer allein reise, begegne Menschen offen und unverstellt.
Mehr als nur Tinte
Auf seinem Weg erlebt Gantenberg neben Kultur und Gastfreundschaft auch Gefahren. In Myanmar ringt er tagelang mit Nierensteinen, in Indien kämpft er sich durch chaotischen Straßenverkehr. Und immer wieder tauchen Gedanken auf wie: „Was, wenn mir hier ein Bär vors Motorrad läuft?“ Aufgeben kommt für ihn jedoch nie infrage.Seine Spurensuche führt ihn zu Tattoo-Traditionen, die in Europa kaum bekannt sind: zu tätowierten Frauen im Süden der Türkei, zu jahrtausendealten Ritualen in Indien, zu indigenen Künstlerinnen und Künstlern in Kanada und Neuseeland. Manche dieser Traditionen sind vom Verschwinden bedroht.
„Tätowierungen sind Identität“, sagt er. „Bei vielen Völkern geben sie Menschen eine Stimme – besonders Frauen.“
Begegnungen wie mit tätowierten Gujarati-Frauen, deren Tradition über 4.500 Jahre alt ist, bleiben ihm bis heute im Gedächtnis.
Auch selbst sticht Gantenberg unterwegs: In der Türkei tätowiert er nachts einen angesehenen Augenarzt im OP-Saal einer Klinik oder verziert einen hochrangigen Geschäftsmann. In entlegenen Regionen Indiens lernt er von Künstlern, deren Wissen nie niedergeschrieben wurde. Was er findet, überrascht ihn nicht – vielmehr festigt sich sein Glaube an die Kraft der Kunst.
Der weiße Elefant ist nicht nur ein Reisebericht, sondern ein Zeugnis über die verbindende Kraft einer Kunstform, die Menschen über Kontinente hinweg zusammenbringt. Eine Weltumrundung, die unter die Haut geht – und sichtbare Spuren hinterlässt.