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Heimathafen oder Kurswechsel?
Amelie Hellwig. Foto: Marco Stepniak

Heimathafen oder Kurswechsel?

Lesedauer: ca. 3 Min. | Text: Karoline Jankowski

Bleiben, gehen, wiederkommen: Junge Stimmen über Lieblingsorte, Leerstellen und Lebenspläne im Vest – oder anderswo.

Amelie Hellwig, 22,

wohnt in der Honermannsiedlung – morgens duftet das Getreide, abends ist der Weg in die Stadt trotzdem nur eine Radtour entfernt. Sie studiert Journalismus und PR in Gelsenkirchen. Geblieben ist sie aus einem pragmatisch-poetischen Grund: „Man muss nicht weg, um weiterzukommen“. Selbst, wenn später der Job irgendwo im Revier wartet, bleibt sie. Für sie ist das Vest ein Gefühl, das man nicht googeln kann: ankommen, anstoßen, leuchten. Das Fliegen auf dem Wellenflug der Palmkirmes, die Haard als Urlaub fürs Gehirn. „Das Vest bietet so viel.“ Gleichwohl echaufiert sie sich über Behauptungen, es sei nichts los. „Negativität ist wie eine Art Grundrauschen geworden.“ Was ihr fehlt? Nicht viel – aber: ein Open-Air-Kino im Stadtgarten wäre toll.

Foto: privat

Leo Trzecinski, 19,

aus Castrop-Rauxel lebt in zwei Takten: Wohnen in Düsseldorf, Herz im Vest. „Irgendwas zwischen weg und geblieben“ – aber oft daheim. Die Rufe auf dem Fußballplatz, der Blick von der Halde, der Sommer am Kanal – das Vest ist irgendwie Feierabend. Sorgen macht ihm, dass die AfD so viel Zuspruch bekommt – „obwohl sie sehr viele der Menschen hier ausgrenzen möchte.“ In Düsseldorf merkt Leo dagegen sofort, was ihm daheim fehlt: ÖPNV, der nicht bremst. „Eine Fahrt von Ickern nach Recklinghausen ist schon eine Tortour.“ Und, nun, so ist es einfach: „In Düsseldorf kann man jeden Tag ausgehen. Es gibt mehr Programm für junge Leute.“

Foto: privat

Roman Lachowicz, 20,

sieht das Vest in drei Motiven: Zechen, Wesel-Datteln-Kanal, Felder – hart und herzlich halt. Wenn er Luft braucht, zieht es ihn zwischen die Äcker, möglichst ruhig, möglichst wenig Verkehr. Wenn der Abend ruft, zeigt das Vest seine Stärke: feiern können sie hier. Weinfest, Abendmarkt, das Closing bei „Recklinghausen leuchtet“, Sunset Beach Festival – die Dichte stimmt. Was fehlt: mehr belebte, moderne Bars für junge Leute, ohne Gentrifizierungs-Vibes und Cocktails für 16 Euro. Dann gibt es noch den Alltag: ÖPNV ist immer noch Geduldsprobe. Bus und Bahn in Uni-Städte brauchen doppelt so lang wie das Auto – Verspätungen geflissentlich außen vor gelassen. „Semesterticket schön und gut, aber wer hat so viel Zeit?“ Warum Roman trotzdem bleibt, ist gar nicht mal so romantisch: Pendeln lohnt sich finanziell mehr als umzuziehen.

Foto: privat

Luisa Kobus, 30,

Assistenzärztin aus Stuckenbusch, war in Italien, Kanada, Malawi und zuletzt Witten. „Nach dem Abi hagelte es Absagen für das Medizinstudium da, musste ich weg – die beste Entscheidung meines Lebens.“ Ein Job in der Schweiz, Berge inklusive, hätte sie fast gekriegt, das Vest hat gewonnen. Die Herzensmenschen sind hier. Bierchen mit Papa im Drüb oder spontante Zusammenkünfte – alles geht mit dem Rad. Sie liebt die Kombi, die nach langen Krankenhaus-Tagen funktioniert: Natur zum Runterkommen, Kneipe zum Auftauchen. Vereine als soziales Rückgrat, Schulen, die durch Kooperationen tolle Möglichkeiten schaffen. Bloß ein bisschen mehr Szene täte gut. Fair Fashion, FLINTA-Treffs, Formate mit Wohnzimmer-Vibe – und bezahlbarer Wohnraum. Aufenthaltsqualität heißt schließlich auch: sich das Leben
leisten können.

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Constanze Geldmann, 30,

ist in Waltrop groß geworden und kann beides: Kleinstadt lieben und nervig finden. „Hier aufzuwachsen hat viele Vorteile, aber als Teenager will man raus in die Welt.“ Nach dem Abi wollte sie so weit weg wie möglich, suchte Unis „ am anderen Ende von Deutschland“ – und landete in Nürnberg. „Ich musste irgendwie neu starten, und das wurde mir dort sehr einfach gemacht.“ Trotzdem ist sie wieder im Ostvest. „Meine Wurzeln sind in Waltrop. Hier sind meine Familie, Freunde, Zuhause und mein Ehrenamt.“ Die Großstadt hat vielleicht mehr zu bieten, sie ist aber auch anonym und kalt. Die Erfahrungen waren wichtig, aber genug. „Ich habe die Vorzüge der Stadt genossen und gelernt: Ich brauche das meiste davon nicht.“

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