Im Familienzentrum Die Arche der Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen wird Essen zum Bildungsort: ohne Zwang, dafür mit Teilhabe und Gespür für Bedürfnisse.
Wer an die eigene Kindergartenzeit zurückdenkt, erinnert sich vielleicht: Essen war früher oft Pflicht, mit festen Zeiten, festen Regeln. Aufstehen erst, wenn der Teller leer war, blieb etwas übrig, gab es Sprüche über schlechtes Wetter oder hungernde Kinder in Afrika. In der Arche wird Essen heute anders gedacht: nicht als Drill, sondern als Teil des Alltags. Als Raum für Selbstständigkeit und Vertrauen.
Eine feste Frühstückszeit gibt es nicht. Zwischen 8.30 und 9.40 Uhr können die Kinder ins Café kommen, etwas essen, gehen. Auf dem Buffet gibt es Brot und Käse, dazu täglich etwas Besonderes: mal Rührei, Joghurt, Milchreis oder Porridge. „Wir achten immer auf ein gesundes und reichhaltiges Angebot“, sagt Carmen Koslowski, Heilpädagogin und Ernährungsexpertin der Arche.
Die Kinder holen Teller, Tassen und Besteck selbst, schmieren Brote, probieren oder lassen es. Aufessen müssen sie nicht. „Man kann alles anbieten, aber es muss nicht alles gegessen werden“, sagt Leiterin Renate Kovacs. Druck oder Scham haben hier keinen Platz.
Teilhabe am Tisch
Wie sensibel Essen sein kann, zeigt sich in der heilpädagogisch und inklusiv arbeitenden Einrichtung besonders deutlich. 104 Kinder besuchen die Kita, manche brauchen klare Strukturen, andere essen pürierte Kost oder werden über eine Magensonde versorgt. Einige Kinder aus dem Autismus-Spektrum bringen ihr vertrautes Essen von zu Hause mit, bis sie sich irgendwann vielleicht an das für sie zunächst „fremde“ Kita-Frühstück heranwagen.
Für das Team ist das Voraussetzung für einen funktionierenden Alltag. „Das muss möglich sein, um überhaupt jeden teilhaben zu lassen“, sagt Carmen Koslowski. Im Café hängen Bilder auf Augenhöhe, Fotos von Aktionen für Kinder und Eltern.
Die Arche nimmt am AOK-Projekt „Jolinchen“ teil, bei dem gesunde Ernährung, Bewegung und Wohlbefinden spielerisch vermittelt werden. Einmal pro Woche wird gemeinsam etwas zubereitet: Obstspieße, Riechgläser, Geschmacksexperimente.
In einer Reflexionsecke zeigen die Kinder mit Daumen hoch oder runter, wie ihnen das Essen geschmeckt hat. Hat etwas nicht geschmeckt, wird gemeinsam überlegt, was verbessert werden kann. So wird aus dem Café mehr als ein Frühstücksraum. Es ist ein Ort, an dem Kinder lernen, ihren Körper ernst zu nehmen, Entscheidungen zu treffen und Gemeinschaft zu erleben. Essen wird hier nicht verordnet. Es wird erlebt.
Lipper Weg 7
45770 Marl