Bürgermeister Thomas Terhorst zieht Bilanz über Krisen, Bauprojekte und die nächsten Schritte für die Stadt.
Seit einem Jahr steht Bürgermeister Thomas Terhorst an der Spitze der Stadt Marl. Seine Bilanz fällt ehrlich aus. Das erste Amtsjahr war geprägt von unerwarteten Herausforderungen, aber auch von spürbaren Fortschritten. Der freie Fall des Marler Sterns ist gestoppt, für das Gebiet rund um die Lutherkirche gibt es eine Perspektive, und beim Thema Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit zeigen die neuen Maßnahmen Wirkung. Für die kommenden Monate hat sich der Bürgermeister konkrete Ziele gesetzt.
Leicht waren die ersten Monate seit November 2026 nicht. „Ich hätte nicht erwartet, dass man fast täglich mit so vielen schlechten Nachrichten konfrontiert wird und so viele Altlasten vorhanden sind“, sagt der Bürgermeister rückblickend. Verzögerungen bei den Bauprojekten Goetheschule, Heinrich-Kielhorn-Schule und Marschall 66, der Zustand des HoT Hülsberg, der marode Sitzungstrakt des Rathauses und Probleme im Jugendamt, insbesondere im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD), machten bereits im Januar eine Sondersitzung notwendig. „Die wichtigste Erkenntnis aus dieser Zeit: Die Dinge brauchen oft länger, als man sich das wünscht. Umso wichtiger ist es, dranzubleiben“, so Thomas Terhorst.
Ansprechbar für alle Menschen
Genau das hat sich der Bürgermeister zur persönlichen Leitlinie gemacht. Er will für die Bürgerinnen und Bürger ansprechbar sein, Themen gründlich durchdringen und die Umsetzung von Entscheidungen konsequent nachhalten. „Am Ende meiner Amtszeit möchte ich sagen können: Wir haben für Marl als Ganzes etwas erreicht.“ Dabei habe sich auch sein Blick auf manche Dinge verändert – etwa auf die Terminvergabe im Bürgerbüro. „Gerade solche Alltagsthemen entscheiden darüber, wie die Menschen ihre Stadtverwaltung erleben.“
Verwaltungschef, Krisenmanager und Gestalter
Als Chef der Verwaltung hat der Bürgermeister die Verwaltungsstruktur neu geordnet und Prozessverbesserungen angestoßen, vor allem bei der Digitalisierung. Dazu gehörten auch schwierige Personalentscheidungen. „Personalfragen gehören zu den schwersten Entscheidungen in diesem Amt. Aber sie müssen getroffen werden, wenn die Verwaltung gut funktionieren soll“, so der Bürgermeister. Dass diese nicht immer für alle populär sind, könne er verstehen. Letztlich gehe es ihm aber einzig um das Wohlergehen der Stadt.
Persönlicher Einsatz für den Marler Stern
Als Krisenmanager war er vor allem beim Marler Stern und im Jugendamt gefordert. Beim Einkaufszentrum hat sich sein persönlicher Einsatz ausgezahlt: „Es macht einen Unterschied, ob der Bürgermeister selbst mit am Tisch der Eigentümerversammlung sitzt oder nicht.“ Als politischer Gestalter hat er unter anderem die Entwicklung rund um die Lutherkirche, die Hülsstraße und die Erinnerungskultur vorangebracht – etwa mit der Seilscheibe als sichtbarem Zeichen der Marler Bergbaugeschichte.
Sicherheit in Hüls: Mehr Präsenz zeigt Wirkung
Sicherheit und Ordnung waren ebenfalls ein Schwerpunkt der ersten zwölf Monate. Nach den Ausschreitungen in Marl-Hüls hat die Stadt den Kommunalen Ordnungsdienst personell verstärkt, eine mobile Wache eingerichtet und Bezirksdienste für Hüls und Mitte geschaffen. Hinzu kommen die Videoüberwachung und regelmäßige Objektkontrollen von Problemimmobilien. „Die stärkere Präsenz von Polizei und Ordnungsamt wirkt. Das bestätigen uns auch viele Menschen vor Ort“, so der Verwaltungschef.
Gleichzeitig benennt er die Grenzen kommunalen Handelns offen: Die Stadt kann Präsenz zeigen, ansprechbar sein, Platzverweise aussprechen und Personalien feststellen. Die Verfolgung von Straftaten und die Gefahrenabwehr sowie der fließende Verkehr liegen dagegen bei der Polizei.
Großprojekte mit Licht und Schatten
Bei den großen Bauprojekten zeichnet sich Bewegung ab. Goetheschule und Marschall66 biegen auf die Zielgerade ein. Für die Heinrich-Kielhorn-Schule hält der Bürgermeister den Weg über einen kompletten Freizug und die Vergabe an einen Generalunternehmer für richtig.
Bei der Rathaussanierung spricht er Klartext: „Die Kostenentwicklung ist in der Summe desaströs. Immerhin ist es uns gelungen, die Kostendynamik zu dämpfen.“ Derzeit verläuft das Projekt zweigeteilt. Der erste Bauabschnitt mit den beiden Türmen und der dem Zentralgebäude läuft sehr gut, die Terminpläne können gehalten werden. Beim zweiten Bauabschnitt, dem Sitzungstrakt, ist die Lage noch offen. Belastbare Ergebnisse werden in den kommenden Monaten erwartet – auch ein Abriss ist nicht ausgeschlossen. Vor der Zukunft hat der Bürgermeister klare Vorstellungen: „Wir müssen mehr in die laufende Instandhaltung investieren, damit es gar nicht erst zu solch großen Sanierungsfällen kommt.“
Guter Draht zu den Unternehmen
Ein besonderes Anliegen ist dem Bürgermeister der enge Kontakt zur Marler Wirtschaft. Zum Chemiepark, zu Thalia und zu weiteren Unternehmen besteht ein guter Draht. Viermal im Jahr lädt er mit der Wirtschaftsförderung mittelständische Betriebe zum Business-Frühstück ein. Bei Ansiedlungen wie der von Thalia arbeiten Jobcenter, Arbeitsagentur und Arbeitgeber eng zusammen, um Fachkräfte zu gewinnen. Der Fachkräftemangel sei nämlich längst auch in Marl angekommen – die Stadtverwaltung selbst sucht zum Beispiel Ingenieure für den Straßenbau.
Angespannte Lange bei Flächen
Bei den Gewerbeflächen ist die Lage aktuell angespannt. Die spätere Entlassung von gate.ruhr aus der Bergaufsicht bezeichnet der Bürgermeister als kleinen Rückschlag – dennoch finden bereits Gespräche mit der internationalen Investorenlandschaft statt. Nun soll es beim Industriepark A 52 vorangehen. „Mit gate.ruhr und Schwatter Jans haben wir zwei große Flächen in der Hinterhand. Damit ist Marl langfristig wettbewerbsfähig.“
Gewerbesteuern fehlen der Stadt
Ein Grund, warum die wirtschaftliche Breite so wichtig ist: Der Stadt fehlen jedes Jahr knapp 60 Millionen Euro an Gewerbesteuern aus dem Chemiepark. „Deshalb müssen wir uns breiter aufstellen – und genau das tun wir mit Thalia, der Metro und unseren vielen mittelständischen Unternehmen. Marl ist mittlerwweile nicht nur die Stadt des Grimme-Preises und der Chemie, sondern auch die Stadt des Buches.“